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„Software wird die Automobilindustrie stärker umbrechen als jeder neue Antrieb.“
Stefan Hartung, Vorsitzender der Geschäftsführung von Bosch

45 %
der E-Auto-Käufer in Deutschland würden für bessere Sprachassistenzsysteme, automatisches Bezahlen oder assistiertes Parken und Fahren die Automarke wechseln.
(Quelle: McKinsey)
Speziell in E-Autos werden schon heute viele Funktionen digital gesteuert. Assistenzsysteme etwa kommunizieren software-gesteuert miteinander, die Software integriert das Smartphone über das Infotainment-System nahtlos ins Auto, Updates laufen „over-the-air“ – das Auto kann sich bereits heute in der Garage ständig selbst modernisieren.
NACHFRAGE IST DA
Konnektivitätsservices und Infotainment beispielsweise haben sich zu einem wichtigen Entscheidungsfaktor beim Autokauf entwickelt, ist das Ergebnis einer Umfrage des Beratungsunternehmens McKinsey aus diesem Jahr. So würden in Deutschland 45 Prozent der Käufer und Besitzer eines Elektroautos für bessere Sprachassistenzsysteme, automatisches Bezahlen oder assistiertes Parken und Fahren die Automarke wechseln; in China sind es sogar 63 Prozent. Experten gehen davon aus, dass sich der Softwareanteil im Auto in den nächsten sechs bis zehn Jahren verdreifacht. Auf 460 Milliarden US-Dollar schätzt McKinsey den globalen Markt für Automobilsoftware und -elektronik im Jahr 2030.
Wenn Software die Hardware als zentrale Komponente ablöst, wird das Auto zum sogenannten „Software Defined Vehicle“ (SDV). Das bedeutet, dass die wesentlichen Funktionen und Eigenschaften durch Softwaresteuerung bereits in der Entwicklung definiert werden – im Gegensatz zu herkömmlichen Fahrzeugen, deren Charakteristik stark von physischen Komponenten wie eben Motor, Getriebe und Lenkung abhängt.
Besitzer eines neuen Mercedes können in Deutschland per Fingerabdrucksensor im Auto zahlen – zum Beispiel für digitale Dienste im Mercedes Me Store oder an kooperierenden Tankstellen.
WAS WICHTIG WIRD
Künftig werden „Soft Skills“ wesentlich: Update-Fähigkeit, Funktionalität von Sprachsteuerung und eine Parkautomatik beispielsweise. Oder die Integration von Komfortfunktionen wie In-car-Payment (u.a. Mercedes, BMW) oder die Parkplatzsuche und -bezahlung über das Infotainment-System, wie es zum Beispiel der neue Kia EV3 anbietet.
Für den Kunden bedeutet das Software definierte Fahrzeug mehr Flexibilität bei der Anpassung des Fahrzeugs an die eigenen Bedürfnisse – beispielsweise die Aufrüstung mit besserem Scheinwerferlicht für die dunkle Jahreszeit, wie Mercedes oder Audi es heute schon anbieten. Voraussetzung für die Freischaltung im Abo ist natürlich, dass die entsprechende Technik bereits an Bord ist.
Zunehmende Bedeutung von Software und Vernetzung
Quelle: VW
ALTERUNGSPROZESS VERSCHOBEN
Generell soll das SDV für eine längere Beständigkeit sorgen, da das Fahrzeug durch Software-Updates – zumindest in der Theorie – über die gesamte Lebenszeit aktuell gehalten werden kann. „Hat ein Kunde zum Beispiel eines der ersten Fahrzeuge einer bestimmten Plattform erworben, so können Hersteller noch Jahre später per Software-Updates Funktionen und Verbesserungen integrieren, die bei den dann aktuellen Neuwagen Stand der Technik sind“, erklärt Erik Görres von Bosch.
Volvo etwa rüstet sein E-SUV EX90 bereits mit Sensorik für das autonome Fahren aus, bevor Software und juristische Rahmenbedingungen überhaupt vollständig geschaffen beziehungsweise bekannt sind. Das Geschäftsmodell der Hersteller verändert sich also grundsätzlich: Der Umsatz erfolgt nicht mehr über den einmaligen Verkauf eines Neuwagens, sondern zusätzlich über den Verkauf von Software über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Die Fahrzeuge der neuen Generation sollen so auch länger und flexibler genutzt werden können als die heutigen. Die längere Nutzung resultiert einerseits aus der leicht aktualisierbaren Software, andererseits aus einer langfristigen Standardisierung der Hardware, die für eine leichtere Reparierbarkeit sorgt. Noch ist das ein weiter Weg, doch der Umbau des Autos unter seinem Blech hat schon begonnen.
Verfügen die meisten Neuwagen heute noch über eine komplexe, weit über das gesamte Fahrzeug verteilte Elektronik-Architektur, setzen erste Hersteller bereits auf einen zentralisierten Aufbau mit immer weniger, dafür leistungsfähigeren Einzelrechnern. „Heute besitzt ein Oberklassefahrzeug 100 oder mehr Steuergeräte. Mit Hilfe einer zentralen Steuerung werden kaum mehr als zehn benötigt. Die Fusion von Infotainment und Fahrassistenz spart bis zu 30 Prozent der Kosten“, rechnet Markus Heyn vor, Bosch-Geschäftsführer und Vorsitzender der Mobilitätssparte.
Gegen Ende des Jahrzehnts könnte in neuen Pkw-Typen in der Regel nur noch ein zentraler Hochleistungsrechner die anspruchsvollen Aufgaben erledigen und die komplette Sensoren- und Aktoren-Infrastruktur im Auto steuern. Die muss dafür stark standardisiert und modellübergreifend nutzbar sein. Der koreanische Autokonzern Hyundai will 2026 sein erstes Software Defined Vehicle vorstellen, mit neuer Elektronik-Architektur und zentralem Hochleistungsrechner. VW hat laut Ankündigung von CEO Oliver Blume das Jahr 2028 für das erste SDV ins Auge gefasst.
Die Studie „Vision Neue Klasse“ (links) ist ein Beispiel für den Wandel zur elektrischen und digitalen Mobilität.
BEISPIEL ZUM ANFASSEN
Aktuelles Beispiel für den tiefgreifenden Umbruch ist die „Neue Klasse“ von BMW. Sie steht beim bayerischen Hersteller für den Wandel zu einer elektrischen und digitalen Mobilität, das erste Modell, das Mittelklasse-SUV iX3, soll 2025 auf den Markt kommen. Wert gelegt wurde hier unter anderem auf futuristisches Design, größere Ladeleistung (plus 30 Prozent), geringeren Stromverbrauch (minus 25 Prozent), nachhaltig lederfreien Innenraum und intuitives Agieren des Fahrers mit dem Auto per Sprachbefehl, Bildschirm und scheibenbreitem Head-up-Display. Aus der „Neuen Klasse“ dürfte sich auch der nächste BMW M3 ableiten, angetrieben von vier individuell steuerbaren Elektromotoren, kombiniert mit einer elektronischen Kontrolleinheit, die Lenkung, Fahrwerk und Antrieb zusammenbringt. Die Quer- und Längsdynamik des Sportlers soll deutlich über dem Niveau eines heutigen M3 liegen. Das könnte selbst für Old-School-Petrolheads die Karten beim Autoquartett durcheinanderwirbeln.
Wohin geht es mit den Preisen?
Die Neuwagenpreise sind so hoch wie nie. Im Jahr 2023 mussten laut DAT-Report private Neuwagenkäufer rechnerisch 80 Prozent ihres Jahreshaushaltsnettoeinkommens aufwenden, um sich einen fabrikneuen Pkw leisten zu können.
2025 zwingen weiter verschärfte CO₂-Vorgaben der EU die Autokonzerne, den Anteil emissionsarmer Neuwagen deutlich zu erhöhen, um Strafzahlungen zu vermeiden. Das Beratungsunternehmen Dataforce erkennt aktuell bereits Preissenkungen bei volumenstarken E-Modellen. Zuletzt hat beispielsweise Dacia den Spring (16.900 Euro) im Leasing für 79 Euro ohne Anzahlung für zwei Jahre angeboten.
Der Trend geht auch zu einem verringerten Abstand zwischen dem Preis für Verbrenner und E-Autos, zeigt eine Rabattstudie des Center Automotive Research (CAR). Im September 2024 kosteten E-Autos im Schnitt 6.584 Euro mehr als vergleichbare Neuwagen mit Verbrennungsmotor, im Vergleich zum Vormonat hat sich der Abstand aber deutlich, um 920 Euro, verringert. Die Studie führt die Entwicklung auf den Trend zu Preissenkungen bei E-Fahrzeugen und Preissteigerungen bei Verbrennern zurück.
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