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Das Auto wird immer mehr zu einem Computer auf Rädern, heißt es. Zumindest bei der Software trifft das zu. Was bei Fahrzeugen künftig wichtig wird und welchen Nutzen der Autofahrer davon hat.

Zylinder, Hubraum, Motorengeräusch – das waren bisher klassische Charakteristika beim Gespräch über Autos. Im Elektro-Zeitalter können sich Hersteller aber kaum noch über Antrieb oder Motorsound abheben, es gewinnen vielmehr Faktoren wie Konnektivität, Design, Sprachsteuerung und Updatefähigkeit an Relevanz. Insbesondere die Software ist entscheidend für die künftigen Fahrzeuge. „Software wird die Automobilindustrie stärker umbrechen als jeder neue Antrieb“, prognostiziert Stefan Hartung, Vorsitzender der Geschäftsführung des Automobilzulieferers Bosch. „Sie bildet die Grundlage für alle kommenden Technologien und gerade in der Mobilität ist das Entwicklungstempo besonders hoch.“ 

Automatisiertes Fahren, Elektrifizierung und Digitalisierung sind die großen Treiber dieser Entwicklung. Autofahrer erwarten heute schon und vor allem in Zukunft eine vollständige Integration ihrer Fahrzeuge in die digitale Welt. „Vor allem jüngere Generationen legen mehr Wert auf eine nahtlose Nutzererfahrung und auf Fahrerassistenzfunktionen als auf klassische Faktoren wie Antrieb oder Performance“, sagt Erik Görres, Chief Expert Fahrzeug-Systemarchitektur beim Zulieferer Bosch.

„Software wird die Automobilindustrie stärker umbrechen als jeder neue Antrieb.“

Stefan Hartung, Vorsitzender der Geschäftsführung von Bosch

45 %

der E-Auto-Käufer in Deutschland würden für bessere Sprachassistenzsysteme, automatisches Bezahlen oder assistiertes Parken und Fahren die Automarke wechseln.

(Quelle: McKinsey)



Speziell in E-Autos werden schon heute viele Funktionen digital gesteuert. Assistenzsysteme etwa kommunizieren software-gesteuert miteinander, die Software integriert das Smartphone über das Infotainment-System nahtlos ins Auto, Updates laufen „over-the-air“ – das Auto kann sich bereits heute in der Garage ständig selbst modernisieren.

NACHFRAGE IST DA
Konnektivitätsservices und Infotainment beispielsweise haben sich zu einem wichtigen Entscheidungsfaktor beim Autokauf entwickelt, ist das Ergebnis einer Umfrage des Beratungsunternehmens McKinsey aus diesem Jahr. So würden in Deutschland 45 Prozent der Käufer und Besitzer eines Elektroautos für bessere Sprachassistenzsysteme, automatisches Bezahlen oder assistiertes Parken und Fahren die Automarke wechseln; in China sind es sogar 63 Prozent. Experten gehen davon aus, dass sich der Softwareanteil im Auto in den nächsten sechs bis zehn Jahren verdreifacht. Auf 460 Milliarden US-Dollar schätzt McKinsey den globalen Markt für Automobilsoftware und -elektronik im Jahr 2030.

Wenn Software die Hardware als zentrale Komponente ablöst, wird das Auto zum sogenannten „Software Defined Vehicle“ (SDV). Das bedeutet, dass die wesentlichen Funktionen und Eigenschaften durch Softwaresteuerung bereits in der Entwicklung definiert werden – im Gegensatz zu herkömmlichen Fahrzeugen, deren Charakteristik stark von physischen Komponenten wie eben Motor, Getriebe und Lenkung abhängt.

In 32 verschiedene Farben kann das Showcar BMW iVision Dee wechseln, über elektrisch geladene Teilchen der E-Ink-Folierung.

Software bestimmt das Fahrverhalten, die Sicherheitsfunktionen, das Infotainment-System – und künftig sogar das Erscheinungsbild eines Fahrzeugs. Die Spanne reicht von änderbaren Scheinwerfergrafiken bis hin zu digital wechselbaren Karosseriefarben wie etwa beim iVision Dee, den BMW 2023 auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas gezeigt hat.

Flankiert werden die Entwicklungen von By-Wire-Lösungen, die mechanische Bauteile ersetzen, siehe „Wissen“. Eine elektronisch gesteuerte Lenkung etwa reagiert schneller auf Lenkbefehle und kann den Fahrer in kritischen Situationen mit Lenkimpulsen unterstützen. By Wire (dt: per Kabel) spart Platz und Gewicht, gerade für die Architektur neuer E-Autos entscheidende Argumente. Auch ein geringerer Luft- und Rollwiderstand oder ein intelligentes Thermo-Management werden wichtiger, wenn es um Effizienz-Optimierung und damit mehr Reichweite geht. 

Werden im Autoquartett Zylinderzahl und Höchstgeschwindigkeit also bald durch Parameter wie Prozessor-Geschwindigkeit und Speichergröße ersetzt? Womöglich nicht – trotzdem bedeutet der tiefgreifende Wandel, dass andere Faktoren als gewohnt dominieren: Schon heute stehen beim E-Auto-Kauf Parameter wie Akkureichweite oder Ladegeschwindigkeit im Vordergrund und weniger die Leistung oder die Höchstgeschwindigkeit.

Besitzer eines neuen Mercedes können in Deutschland per Fingerabdrucksensor im Auto zahlen – zum Beispiel für digitale Dienste im Mercedes Me Store oder an kooperierenden Tankstellen.

WAS WICHTIG WIRD
Künftig werden „Soft Skills“ wesentlich: Update-Fähigkeit, Funktionalität von Sprachsteuerung und eine Parkautomatik beispielsweise. Oder die Integration von Komfortfunktionen wie In-car-Payment (u.a. Mercedes, BMW) oder die Parkplatzsuche und -bezahlung über das Infotainment-System, wie es zum Beispiel der neue Kia EV3 anbietet.

Für den Kunden bedeutet das Software definierte Fahrzeug mehr Flexibilität bei der Anpassung des Fahrzeugs an die eigenen Bedürfnisse – beispielsweise die Aufrüstung mit besserem Scheinwerferlicht für die dunkle Jahreszeit, wie Mercedes oder Audi es heute schon anbieten. Voraussetzung für die Freischaltung im Abo ist natürlich, dass die entsprechende Technik bereits an Bord ist.

Ob neue Funktionen für das Navigationssystem, eine erweiterte Rückfahrkamera oder die quietschbunte Innenraumbeleuchtung: Über die im Fahrzeug integrierte SIM-Karte wird die passende Software in wenigen Minuten aufgespielt. Ohne Wartezeit und ohne extra in die Werkstatt zu fahren. Die Kunden schätzen laut der Umfrage der Unternehmensberatung McKinsey diese Flexibilität: 39 Prozent der Befragten wünschen sich Abo-Angebote. 

2030 werden weltweit über

90 %

der Neufahrzeuge vernetzt sein; heute sind es 50 %. 

(Quelle: McKinsey)

2030 werden weltweit über

90 %
der Neufahrzeuge vernetzt sein; heute sind es 50 %.


(Quelle: McKinsey)

Ob neue Funktionen für das Navigationssystem, eine erweiterte Rückfahrkamera oder die quietschbunte Innenraumbeleuchtung: Über die im Fahrzeug integrierte SIM-Karte wird die passende Software in wenigen Minuten aufgespielt. Ohne Wartezeit und ohne extra in die Werkstatt zu fahren. Die Kunden schätzen laut der Umfrage der Unternehmensberatung McKinsey diese Flexibilität: 39 Prozent der Befragten wünschen sich Abo-Angebote.

Einher gehen mit dem Wandel auch neue Probleme: 2023 hat sich der Report der Deutschen Automobil-Treuhand (DAT) erstmals dem Thema Software-Probleme gewidmet und herausgefunden, dass bei 23 Prozent der befragten Autofahrer mit Fahrzeugen unter drei Jahren bereits Probleme mit Elektronik oder Software auftraten. Interessant: Bei Fahrzeugen, die sechs Jahre und älter waren, meldeten nur 10 Prozent der Autofahrer Software-Probleme.

Zunehmende Bedeutung von Software und Vernetzung

Quelle: VW

ALTERUNGSPROZESS VERSCHOBEN
Generell soll das SDV für eine längere Beständigkeit sorgen, da das Fahrzeug durch Software-Updates – zumindest in der Theorie – über die gesamte Lebenszeit aktuell gehalten werden kann. „Hat ein Kunde zum Beispiel eines der ersten Fahrzeuge einer bestimmten Plattform erworben, so können Hersteller noch Jahre später per Software-Updates Funktionen und Verbesserungen integrieren, die bei den dann aktuellen Neuwagen Stand der Technik sind“, erklärt Erik Görres von Bosch. 

Volvo etwa rüstet sein E-SUV EX90 bereits mit Sensorik für das autonome Fahren aus, bevor Software und juristische Rahmenbedingungen überhaupt vollständig geschaffen beziehungsweise bekannt sind. Das Geschäftsmodell der Hersteller verändert sich also grundsätzlich: Der Umsatz erfolgt nicht mehr über den einmaligen Verkauf eines Neuwagens, sondern zusätzlich über den Verkauf von Software über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Die Fahrzeuge der neuen Generation sollen so auch länger und flexibler genutzt werden können als die heutigen. Die längere Nutzung resultiert einerseits aus der leicht aktualisierbaren Software, andererseits aus einer langfristigen Standardisierung der Hardware, die für eine leichtere Reparierbarkeit sorgt. Noch ist das ein weiter Weg, doch der Umbau des Autos unter seinem Blech hat schon begonnen.

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Kernelement der Elektronik-Architektur des neuen Audi A5 sind fünf Hochleistungsrechner, die alle Fahrzeugfunktionen abdecken.

Die Fusion von Infotainment und Fahrassistenz spart bis zu 30 Prozent der Kosten.“

Markus Heyn, Bosch-Geschäftsführer

Verfügen die meisten Neuwagen heute noch über eine komplexe, weit über das gesamte Fahrzeug verteilte Elektronik-Architektur, setzen erste Hersteller bereits auf einen zentralisierten Aufbau mit immer weniger, dafür leistungsfähigeren Einzelrechnern. „Heute besitzt ein Oberklassefahrzeug 100 oder mehr Steuergeräte. Mit Hilfe einer zentralen Steuerung werden kaum mehr als zehn benötigt. Die Fusion von Infotainment und Fahrassistenz spart bis zu 30 Prozent der Kosten“, rechnet Markus Heyn vor, Bosch-Geschäftsführer und Vorsitzender der Mobilitätssparte. 

Gegen Ende des Jahrzehnts könnte in neuen Pkw-Typen in der Regel nur noch ein zentraler Hochleistungsrechner die anspruchsvollen Aufgaben erledigen und die komplette Sensoren- und Aktoren-Infrastruktur im Auto steuern. Die muss dafür stark standardisiert und modellübergreifend nutzbar sein. Der koreanische Autokonzern Hyundai will 2026 sein erstes Software Defined Vehicle vorstellen, mit neuer Elektronik-Architektur und zentralem Hochleistungsrechner. VW hat laut Ankündigung von CEO Oliver Blume das Jahr 2028 für das erste SDV ins Auge gefasst.

Die Studie „Vision Neue Klasse“ (links) ist ein Beispiel für den Wandel zur elektrischen und digitalen Mobilität. 

BEISPIEL ZUM ANFASSEN
Aktuelles Beispiel für den tiefgreifenden Umbruch ist die „Neue Klasse“ von BMW. Sie steht beim bayerischen Hersteller für den Wandel zu einer elektrischen und digitalen Mobilität, das erste Modell, das Mittelklasse-SUV iX3, soll 2025 auf den Markt kommen. Wert gelegt wurde hier unter anderem auf futuristisches Design, größere Ladeleistung (plus 30 Prozent), geringeren Stromverbrauch (minus 25 Prozent), nachhaltig lederfreien Innenraum und intuitives Agieren des Fahrers mit dem Auto per Sprachbefehl, Bildschirm und scheibenbreitem Head-up-Display. Aus der „Neuen Klasse“ dürfte sich auch der nächste BMW M3 ableiten, angetrieben von vier individuell steuerbaren Elektromotoren, kombiniert mit einer elektronischen Kontrolleinheit, die Lenkung, Fahrwerk und Antrieb zusammenbringt. Die Quer- und Längsdynamik des Sportlers soll deutlich über dem Niveau eines heutigen M3 liegen. Das könnte selbst für Old-School-Petrolheads die Karten beim Autoquartett durcheinanderwirbeln.

 NACHGEFRAGT

Erik Görres ist Chief Expert der Fahrzeug-Systemarchitektur beim Automobilzulieferer Bosch. Im Interview berichtet er, welche verspielten Möglichkeiten es beim SDV gibt und wie es um die Sicherheit steht.

 NACHGEFRAGT

Erik Görres ist Chief Expert der Fahrzeug-Systemarchitektur beim Automobilzulieferer Bosch. Im Interview berichtet er, welche verspielten Möglichkeiten es beim SDV gibt und wie es um die Sicherheit steht.

Wohin geht es mit den Preisen?

Die Neuwagenpreise sind so hoch wie nie. Im Jahr 2023 mussten laut DAT-Report private Neuwagenkäufer rechnerisch 80 Prozent ihres Jahreshaushaltsnettoeinkommens aufwenden, um sich einen fabrikneuen Pkw leisten zu können. 

2025 zwingen weiter verschärfte CO₂-Vorgaben der EU die Autokonzerne, den Anteil emissionsarmer Neuwagen deutlich zu erhöhen, um Strafzahlungen zu vermeiden. Das Beratungsunternehmen Dataforce erkennt aktuell bereits Preissenkungen bei volumenstarken E-Modellen. Zuletzt hat beispielsweise Dacia den Spring (16.900 Euro) im Leasing für 79 Euro ohne Anzahlung für zwei Jahre angeboten. 

Der Trend geht auch zu einem verringerten Abstand zwischen dem Preis für Verbrenner und E-Autos, zeigt eine Rabattstudie des Center Automotive Research (CAR). Im September 2024 kosteten E-Autos im Schnitt 6.584 Euro mehr als vergleichbare Neuwagen mit Verbrennungsmotor, im Vergleich zum Vormonat hat sich der Abstand aber deutlich, um 920 Euro, verringert. Die Studie führt die Entwicklung auf den Trend zu Preissenkungen bei E-Fahrzeugen und Preissteigerungen bei Verbrennern zurück.

Der Sound der Straße

Heute kommt Musik per DAB oder Streaming über das Infotainment-System mit riesigem Display ins Auto – früher war das Autoradio purer Luxus. Erinnern Sie sich noch an so klangvolle Namen wie Blaupunkt Bremen oder Berlin, BMW Bavaria, VW Delta, Becker Mexico oder Nürburg? Gehen Sie mit uns auf Zeitreise …

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