NACHGEFRAGT

Warum wird Software immer wichtiger, Erik Görres? 

Erik Görres ist Chief Expert Fahrzeug-Systemarchitektur beim Automobilzulieferer Bosch.

Warum wird Software in neuen Autos sogar wichtiger als bisher entscheidende Merkmale wie der Antrieb?
Software ist schon seit vielen Jahren ein elementarer Bestandteil, um endkundenrelevante und markendifferenzierende Funktionen zu realisieren. Beim Thema Antrieb und den damit verbundenen Emotionen auf Seiten der Endkunden hat der Wandel mit dem Wechsel zur Elektromobilität Einzug gehalten. Generell gilt, dass vor allem jüngere Generationen mehr Wert auf eine nahtlose User Experience und Fahrerassistenzfunktionen legen als auf die klassischen Faktoren wie Antrieb und Performance. Die Domänen Infotainment und Fahrerassistenz sind zwei der softwareintensivsten Domänen in heutigen Fahrzeugen.

Welche besonderen Herausforderungen kommen diesbezüglich auf die Autohersteller zu?
Autohersteller möchten ihren Endkunden vorrangig ein möglichst aktuelles und auf dem neusten Stand befindliches Fahrzeug präsentieren. Auch für die Zeit nach dem Kauf ist dies ein wichtiger Faktor. Dazu müssen Fahrzeughersteller in der Lage sein, neue Funktionen und Visualisierungen oder Funktionsverbesserungen kontinuierlich in die Fahrzeuge der Endkunden zu bringen. Sprich, die Entwicklung heutiger und künftiger Fahrzeuge sowie deren Funktionen endet nicht mit dem Tag des Produktionsstarts, sondern ist ein kontinuierlicher Prozess.

Grundsätzlich gilt, dass jedes Gerät, das mit dem Internet verbunden ist, einem gewissen Risiko ausgesetzt ist.“ Erik Görres



Grundsätzlich gilt, dass jedes Gerät, das mit dem Internet verbunden ist, einem gewissen Risiko ausgesetzt ist.“ Erik Görres


Welche Auswirkungen haben Over-the-Air-Updates auf die Lebensdauer eines Fahrzeugs?
Für die Lebensdauer eines Fahrzeugs können die kontinuierliche Aktualisierung und Optimierung von Vorteil sein, da ein Auto in Bezug auf die für Kunden erlebbaren Funktionen weniger schnell veralten wird als bisher. Natürlich sind der eingesetzten Hardware auch Grenzen gesetzt. Um einen Vergleich zur Unterhaltungselektronik zu ziehen: Auf einem 10 Jahre alten PC läuft heutzutage auch nur schwerlich das neueste Rennspiel.

Was sind Beispiele für Personalisierungsmöglichkeiten, die durch das Software defined Vehicle möglich werden?
Insbesondere die beiden Domänen Infotainment und Fahrerassistenz bieten hier Möglichkeiten, laufend Verbesserungen und Aktualisierungen ins Fahrzeug zu bringen. Im Bereich Infotainment ist zum Beispiel die Integration neuer Streaming-Anbieter denkbar. Möglich sind auch die Überarbeitung der grafischen Darstellungen oder auch eine saisonale Anpassung dieser (z.B. Weihnachts-Inhalte im Tesla oder Halloween-Modus bei Rivian). Bei manchen Herstellern lassen sich schon heute grafische Elemente über einen eigenen Appstore herunterladen – so ist das Fahrzeug nach eigenen Wünschen personalisierbar. Aber auch die Kombination mit Innenraum oder Lichtfunktionen kann ganz neue Funktionen ermöglichen, die möglicherweise erst zur Laufzeit des Fahrzeugs entwickelt werden.

Bosch entwickelt eine durchgängige IT-Architektur für das gesamte Fahrzeug – angefangen in der Cloud über zentrale Fahrzeugcomputer bis zu einzelnen Steuergeräten. 

Stichwort Sicherheit: Wie kann die Fahrzeugsicherheit auch bei Software-Problemen sichergestellt werden? Und sind SDV anfälliger für Hacker?
Grundsätzlich gilt, dass jedes Gerät, das mit dem Internet verbunden ist, einem gewissen Risiko ausgesetzt ist. Moderne Fahrzeuge sind hier keine Ausnahme. Industrieweit gibt es hier etablierte Standards und Maßnahmen, die verhindern, dass sicherheitskritische Systeme im Fahrzeug kompromittiert oder verändert werden können. Natürlich ist auch hier wichtig, dass Zulieferer und Fahrzeughersteller kontinuierlich an Maßnahmen und Schutzmechanismen arbeiten, um den Hackern stets einen Schritt voraus zu sein. Auch auf der legislativen Ebene hat sich hier viel getan, denn schon heute sind Fahrzeughersteller und damit auch wir Zulieferer verpflichtet, bekannte und bekanntwerdende Sicherheitslücken über die Lebenszeit moderner Fahrzeuge zu schließen.