MENSCHEN
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Wenn abends am Flughafen Köln/Bonn das Taxi mit der Lizenznummer 1218 vorfährt, ist Unterhaltung garantiert: Am Steuer des Mercedes sitzt der 72-jährige Bernd Gehrke. Und der kann aus seinen fast fünf Jahrzehnten als Taxifahrer viele Anekdoten erzählen. „Wenns menschlich nicht passt, kann ich aber auch meinen Mund halten“, versichert er.
In der öffentlichen Wahrnehmung sitzt am Steuer eines Taxis meist ein promovierter Philosoph ohne Job. Dass jemand den Beruf mit Leidenschaft ausübt? Eher unwahrscheinlich. Auf Bernd Gehrke trifft dieses Vorurteil nicht zu. Nach einer Ausbildung als Speditions- und Versicherungskaufmann sprang er 1977 für seinen erkrankten Vater ein. Als sich die Chance bot, eine Lizenz und einen Wagen zu übernehmen, griffen die beiden zu. Mit einem Mercedes /8 fing es an. Und es blieb dabei, bei der Automarke und dem Beruf. Mit wechselnden Modellen fährt Gehrke seit 1979 durch die Kölner Nacht.
Seine Schicht beginnt gegen 17 Uhr und endet nach zehn Stunden am Morgen des Folgetages. „Sechs Stunden Schlaf, mehr brauche ich nicht“, sagt er. Einem Familienleben habe der Schichtbetrieb nicht im Weg gestanden. Seine Frau unterstützte ihn sogar bei der Entscheidung für den Wechsel.
Im Gegensatz zu einigen seiner Kollegen, die ihre Lizenz an ihre Kinder weitergeben können, hat sich seine Liebe zum Job nicht an seinen Nachwuchs vererbt. Seine Tochter arbeitet bei der Sparkasse, sein Sohn fährt Bus für die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB). „Die langen Wartezeiten waren nichts für ihn“, so Gehrke.

Fünf Jahrzehnte Taxifahren – Bernd Gehrke kann einige Anekdoten erzählen. Hier können Sie das „kölsche Original“ im Video erleben.
SCHWEMME DER MIETWAGENFAHRER
Er hingegen genieße beim Warten auf die nächsten Kunden die Gespräche am Taxistand. Ein zunehmender Anteil gehört darin der wachsenden Schwemme der Mietwagenfahrer. „Den Start von Uber habe ich deutlich gemerkt. Ich hatte auf einen Schlag bis zu 40 Prozent weniger Umsatz im Monat.“ Der Taxi Ruf Köln hat als Reaktion auf die günstigeren Fahrten der Mietwagenfahrer ebenfalls einen Festpreis eingeführt. Wer die Fahrt im Vorfeld über die App taxi.eu oder telefonisch in der Zentrale bestellt, kann diesen vereinbaren.
Hinzu kommt: Mietwagen unterliegen nach dem Personenbeförderungsgesetz einer strengen Rückkehrpflicht. Nach jeder Fahrt müssen Fahrer unverzüglich zum Betriebssitz zurückkehren, anstatt auf der Straße oder an innerstädtischen Hotspots auf neue Aufträge zu warten. Taxis sind von dieser Regelung ausgenommen. Diese Auflage dient dem Schutz des klassischen Taxiverkehrs und wurde mehrfach als verfassungskonform bestätigt. Seit dem 1. Juni dieses Jahres gilt in Köln außerdem eine Mindestpreispflicht für Mietwagenfahrer. Fahrten dürfen dann nur noch maximal 20 Prozent günstiger sein als der reguläre Tarif.
Dass die Juristen im Sinne Gehrkes und seiner Kollegen geurteilt haben, freut den 72-Jährigen. Er hat als damaliger Aufsichtsrat bei Taxi Ruf Köln die Urteilsverkündung im Gericht verfolgt. Ziele zu erreichen, nicht nur politische, ist eben fester Bestandteil seiner Taxifahrer-DNA.
Lachend erinnert er sich an einen Fahrgast, der abends um 22 Uhr am Flughafen einstieg und morgens pünktlich in der Firma sein musste. Wohin er wollte? „Nach Mailand. Da hab’ ich dann sieben Stunden lang aufs Gas getreten und 1.500 Mark verdient.“
CHAUFFEUR FÜR DEN AIR-FORCE-ONE-PILOTEN
Denkwürdig außerdem die Fahrt mit dem ehemaligen Fußball-Bundestrainer Helmut Schön und die Zeit der 24/7-Bereitschaft während des Besuchs von Ronald Reagan und seiner Frau Nancy in Bonn. Gehrke oblag in dieser Zeit der Chauffeursdienst für den Air-Force-One-Piloten. „Ich habe sie alle gehabt“, fasst er die Aufzählung dieser und weiterer prominenter Fahrgäste zusammen.
Gefragt, wen er gern noch fahren würde, fällt ihm der Kölner Verkehrsdezernent Ascan Egerer ein. „Ich könnte ihm zeigen, was für ein Chaos er mit seinen Baustellen angerichtet hat“, schimpft er und beginnt mit einer Aufzählung von Straßensperrungen und Spurreduzierungen. Eine Strecke von 15 Minuten könne jetzt eine Stunde dauern. Selbst Rennradfahrer habe er nichts gegen neue Fahrradspuren. „Aber bitte mit Augenmaß.“
Und auch der von vielen verteufelten Elektromobilität steht er nicht ablehnend gegenüber. „Die Infrastruktur für uns Taxifahrer ist einfach nicht vorhanden“, bemängelt er. Es gäbe nicht ausreichend oder keine Ladesäulen an zentralen Haltepunkten. Und von diesen weit entfernt zu laden, sei wirtschaftlich nicht sinnvoll.
Trotz der vollen Straßen und des gestiegenen Stresslevels bei allen Verkehrsteilnehmern: Seinen Beruf würde Bernd Gehrke immer wieder wählen. „Als Taxiunternehmer hast du eine große Freiheit: Du kannst arbeiten, wie, wo und wann du willst – was kann es besseres geben?“
Zur Person
Bernd Gehrke
72 Jahre
lebt in Köln, verheiratet, zwei Kinder
Werdegang
1972 – 1975
Ausbildung zum Speditions- und Versicherungskaufmann, Allianz
Seit 1977
Taxifahrer, nebenberuflich
Seit 1979
hauptberuflicher Taxiunternehmer mit eigenem Taxi
Seit 1983
mit angestelltem Fahrer und zweitem Taxi

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