Kia EV9

Der E-Bus unter den SUV 

Der Kia EV9 ist ein SUV mit fast schon Bus-artigen Abmessungen. Glücklicherweise ist er auch ähnlich praktisch.


Es sind nicht allein die Dimensionen von mehr als fünf Metern Länge, die den EV9 auf deutschen Straßen und Parkplätzen auffallen lassen. Mindestens genauso Aufmerksamkeit heischend ist das futuristisch-kantige Design. Der wuchtige Kühler mit den schmalen Scheinwerferschlitzen, die glatten Seitenflächen mit den versenkten Türgriffen und das senkrecht stehende Heck schlagen eine Brücke zwischen alten amerikanischen Familiengeländewagen und dem Raumschiff-Styling moderner Science-Fiction-Filme. 

Weil der rechte Winkel trotz aller Nachteile beim Luftwiderstand noch immer das optimale Maß für menschliche Aufenthaltsräume ist, geht es im Inneren des Crossovers außergewöhnlich geräumig zu. Sechs Sitze sind mindestens an Bord, alternativ ist ein Siebensitzer zu haben, bei dem die beiden Einzelsessel in Reihe zwei durch eine Dreierbank ersetzt werden. Die komfortablere Wahl ist aber die erstgenannte; auch, weil man zwischen den Einzelsitzen leichter in Reihe drei kommt. Alternativ erfolgt der Einstieg durch das Umklappen der Sitzlehnen in Reihe zwei. 

Im Vergleich mit fast allen anderen Sechs- oder Siebensitzer-SUVs auf dem Pkw-Markt bietet der Kia das tauglichste Platzangebot. Für Gepäck ist bei voller Bestuhlung allerdings nicht mehr viel Raum – 333 Liter reichen für einen größeren Wocheneinkauf. Wer alle Sitze einklappt –im Falle der dritten Reihe elektrisch –, kann fast zwei Kubikmeter Stauraum nutzen. Dazu gibt es unter der vorderen Haube noch einen recht großen Frunk. Optional ist außerdem eine Anhängerkupplung zu haben – bis zu 2.500 Kilogramm dürfen an den Haken; es gibt nicht viele Stromer, die eine solche Zuglast für Wohnwagen oder Pferdeanhänger bieten. 

Die Kehrseite des üppigen Platzangebots ist die immense Größe des Kia. Nicht nur sind die 5,02 Meter Länge eigentlich zu viel für deutsche Innenstädte, die 2,24 Meter Breite mit Spiegeln machen die Fahrt in Parkhäuser und durch Autobahnbaustellen schwierig. Der Wendekreis fällt mit fast 13 Metern ebenfalls groß aus. 

Überraschenderweise stört das im Alltag aber wenig: Die kantige Karosserie und die hohe Sitzposition machen das Abschätzen von Entfernungen beim Rangieren einfach, mehrere Kameras detektieren die Umgebung restlos und übersehen kann den Kia beim manchmal langwierigen Wenden in mindestens drei bis fünf Zügen auch niemand. In der Autobahnbaustelle ist die ganz linke Spur in der Regel tabu, sodass man sich zwischen den Lkw einsortieren muss, ohne sich in dem übergroßen SUV jedoch besonders klein und verwundbar vorzukommen.  

Dass sich der Kia so gar nicht durch die engen Lücken im Verkehr wuseln mag, stört nicht, hält er doch sowieso eher zum entspannten Fahren an. Die Verbindung aus niedrigem Schwerpunkt und komfortabler Abstimmung lässt den Crossover sanft wankend dahingleiten. Sportlich ist das sicher nicht, aber auch alles andere als schaukelig oder unpräzise. Erstaunlich, wie das eher simpel konstruierte Fahrwerk des Koreaners schlechte Straßen genauso gut absolviert wie bügelglatte Autobahnetappen. Ein Luftfahrwerk oder auch nur elektronisch geregelte Dämpfer vermisst man nicht. Auch bei der Antriebskraft bleiben keine Wünsche offen. In der Top-Variante arbeitet ein 385 PS starkes Motoren-Duo, das die mehr als 2,5 Tonnen schwere Fuhre elektro-typisch so gleichmäßig wie vehement nach vorn zieht.

Die Kehrseite des üppigen Platzangebots ist die immense Größe des Kia.

Mindestens 72.500 Euro kostet der Kia EV9 in der Basis, 4.000 Euro mehr in der Top-Variante mit Allradtechnik. Das ist viel Geld – für viel Auto. Konkurrenten wie Volvo EX90 oder Tesla Model Y sind noch einmal 10.000 Euro bis 30.000 Euro teurer.  Damit der so gesehen faire Preis möglich ist, hat Kia an der ein oder anderen Stelle gespart. Wie beim Fahrwerk fällt das aber kaum ins Gewicht: So ist das Cockpit zwar zu großen Teilen aus Hartplastik montiert. Weil das Design aber modern und reduziert ist, fällt das nicht unangenehm auf. Auch mit Zugeständnissen wie der schlecht belüfteten Handy-Ladeschale (Überhitzungsgefahr im Sommer) oder dem ungünstig platzierten Klima-Bedienbildschirm (im toten Winkel hinter dem Lenkkranz) kann man unterhalb der Premiumklasse leben.  

Und zu groß kommt einem der Kia nach einigen Tagen Testfahrt auch nicht mehr vor: Wer den EV9 zu massig findet, legt vielleicht einfach den falschen Maßstab an. Denn der Korea-Koloss ist weniger eine Alternative zum normalen Pkw oder Crossover als vielmehr zu Modellen wie dem VW ID.Buzz. Eine Großraumlimousine im Crossover-Kleid also, garniert mit viel Pkw-Komfort. Dann relativiert sich auch der hohe Preis des Koreaners. Wer mehr als zwei Kinder hat, ist in Sachen Kosten sowieso Kummer gewohnt. 

Kia EV9 AWD GT-Line

L / B / H:
5,01 / 1,98 / 1,76 Meter
Motor:
je ein Elektromotor vorne und hinten, 283 kW/385 PS, maximales Drehmoment 700 Nm 
Fahrwerte:
0-100 km/h: 5,3 s, Vmax: 200 km/h 
Verbrauch:
22,3 kWh/100 km (WLTP), CO2-Klasse: A
Reichweite: 
505 km
Kofferraum:
333 - 2.393 Liter, plus Frunk
Preis:
ab 76.490 Euro (Allrad);  GT-Line ab 82.380 Euro

 zur Hersteller-Seite