MENSCHEN

„Eine Abschlussarbeit darf Grenzen verschieben“

Während die meisten Menschen mit 66 Jahren über den Ruhestand nachdenken, läuft die Automarke Mini in diesem stolzen Alter zu neuer Form auf und richtet ihr ikonisches Design und das historische Erbe zukunftsfähig aus. Mit dabei auf dem Weg zwischen Tradition und Moderne: der angehende Transportation Designer Valentin Binder.

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Seine Bachelorarbeit zeigt, was modernes Automobildesign leisten kann: Ästhetik und Funktionalität ebenso wie Geschichte und Gegenwart in Einklang zu bringen. Mit diesem Ansatz bei seinem Modell für ein neues Interior Design sicherte er sich nicht nur die Bestnote 1,0 in seinem Studiengang an der Hochschule München, sondern auch einen Job als Werkstudent im Team von Holger Hampf, Head of Mini Design. 

Mattes Aluminium, reduzierte Formensprache, kobaltblaue Elemente und taubengrauer Stoff: Auf den ersten Blick mutet die Abschlussarbeit von Valentin Binder nicht wie ein Auto an, zumal an dem etwas mehr als Umzugskarton großen Ausstellungsstück nicht nur der Motor sondern auch die Räder fehlen. Gäbe es da nicht die Sitze, das Lenkrad und den Markenschriftzug der zur BMW Group zählenden Marke, die ersten Assoziationen führten den Betrachter wohl in eine andere Richtung. Fahren kann das Auto trotz fehlender Bauteile aber doch, zumindest virtuell.

Was bedeutet Mobilität für einen Jung-Designer? Valentin Binder im Video-Interview mit ACV Redakteurin Anne Villwock. Jetzt das Video ansehen.



Wer sich eine VR-Brille aufsetzt, kann Platz nehmen im Modell, losfahren und es mit einfachen Gesten bedienen, Gas geben und die Musiklautstärke reduzieren. Während des Gestaltungsprozesses entwickelt sich die Künstliche Intelligenz durchaus zu einem Werkzeug und Impulsgeber, dient aber nicht als Ersatz für eigene kreative Leistungen. „KI kann inspirieren, ersetzt aber nicht das Denken und Modellieren“, erklärt Valentin Binder. KI beschleunige die Abläufe im Schaffensprozess. „Der Designer bleibt derjenige, der am Ende dem Auto seinen speziellen Charakter verleiht.“

„Der Designer bleibt derjenige, der am Ende dem Auto​
seinen speziellen Charakter verleiht.

Valentin Binder Mini Interior Design Working Student

„Der Designer bleibt
derjenige, der am Ende​
dem Auto seinen speziellen Charakter verleiht.

Valentin Binder​
Mini Interior Design Working Student

Im Design-Modell Platz nehmen und losfahren: Erleben Sie im Video, wie sich Nachwuchs-Designer Valentin Binder die Zukunft des Auto-Interiors vorstellt.

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Impulse für neue Projekte holt sich der Münchner jeden Tag in seiner Umgebung. „Ich gehe mit offenen Augen durch die Welt: Ausstellungen, Architektur, Bücher – alles kann Inspiration sein. Oft fotografiere ich Dinge oder zeichne direkt in ein Skizzenbuch.“ Der Transfer in seine Arbeit folgt dann meist umgehend. „Ich speichere Ideen ab, mache Fotos oder Zeichnungen.“ Nicht alles werde direkt ein Produkt, aber die Ideen werden archiviert und dienen dann bei passender Gelegenheit als Quelle für neue Entwürfe.

Autos haben den Nachwuchsdesigner „schon immer fasziniert“, sagt er. Allerdings stand am Anfang seiner Karriere nicht der Wunsch, ein neuer deutscher Formel-1-Rennfahrer zu werden. In seiner Familie gibt es andere Vorbilder. Sein Vater ebenso wie der große Bruder sind ebenfalls Designer. Nach kurzen Abstechern in andere Studiengänge und Städte entschied sich Valentin Binder für Transportation Design an der Hochschule München. Praktika bei Mercedes-AMG und Hyundai führten ihn schließlich zur BMW Group. „Mini war langfristig mein Ziel. Ich identifiziere mich stark mit der Gestaltung und den Werten der Marke. Am Ende war es ein Perfect Match“, so Binder.

Skizze und Modell: So stellt sich Valentin Binder in seiner Bachelor-Arbeit ein neues Interior-Design vor.

Valentin Binder im Gespräch mit ACV Redakteurin Anne Villwock.

Wie ein Produkt aussieht, das Material, aus dem es besteht und wie es in der Hand liegt, diese Aspekte sind für ihn im Designprozess zentral. „Wenn ich mich in ein Auto setze, muss die Atmosphäre stimmen, ähnlich wie in meinem Wohnzimmer“, so Binder. Die Farben, der Stoff, das Gefühl, das beim Anfassen der Materialien und der Knöpfe an Lenkrad und Mittelkonsole entsteht, die einzelnen Elemente müssten miteinander harmonieren. „Wenn sich später jemand in ein Auto setzt, an dessen Innenraumgestaltung ich beteiligt war, wäre das Beste, wenn ihn nichts stört. Passen Material, Form, Haptik und Bedienung zusammen, ist vieles richtig gemacht.“

Zwar interessiere er sich auch für die äußere Form eines Autos, ist aber überzeugt: „Das eine kann nicht ohne das andere existieren. Man sieht das auch in meiner Bachelorarbeit: Innen und außen müssen zusammen gedacht werden, sonst entsteht kein stimmiges Produkt.“

Eine detaillierte Präsentation veranschaulicht, welche Gedanken hinter seinem Interior Design stehen. Es soll ein „analoges Gefühl in die digitale Zukunft übersetzen“. Auch wenn der Entwurf seines Modells mit Hilfe eines Computer-Aided-Design (CAD) Programms am Rechner entstanden ist, die mehr als 120 Bauteile des physischen Werkstücks hat Valentin Binder in tagelanger Handarbeit selbst verfeinert und zusammengesetzt, lediglich beim 3D-Druck und dem Bezug der Sitze und des Dashboards erhielt er Unterstützung in den BMW-eigenen Werkstätten. 

Herausgekommen ist ein minimalistisch anmutender Entwurf, bei dem nur der Markenschriftzug und das kreisrunde Center Icon an die geschichtsträchtige Marke erinnern. Darf man sich so weit von der Tradition lösen, um die Marke weiterzuentwickeln? „Eine Abschlussarbeit darf Grenzen verschieben“, ist er überzeugt. „Bei Mini muss natürlich der ikonische Charakter erhalten bleiben – das ist aber auch ein Vorteil, denn man kann aus der Historie schöpfen“, weiß Binder. Gleichzeitig sei es Aufgabe der Designer, alt und neu immer wieder frisch zu verbinden. Bei der neuen Mini-Generation sei das gut gelungen, ist er überzeugt.

Das Werkstück seiner Bachelor-Arbeit (links) hat Binder von Hand zusammen gebaut; seine Ideen hält er in einem Skizzenbuch fest (rechts).

Das Werkstück seiner Bachelor-Arbeit (oben) hat Binder von Hand zusammen gebaut; seine Ideen hält er in einem Skizzenbuch fest (unten).

Aktuell macht die ursprünglich aus England stammende Automarke mit einer Interpretation der Mini-Cooper-Familie durch den britischen Designer Paul Smith von sich reden. Eine exklusive Polsterung und ein Armaturenbrett in einer neuen Farb- und Materialkombination prägen neben liebenswerten Details das Innenleben der neuen Modelle. „Kleine Überraschungsmomente machen jede Fahrt zu einem Erlebnis“, verspricht die Werbung. 

Für überraschende, aber kaum wahrnehmbare Ausstattungsdetails, sogenannte Easter Eggs, kann sich auch Valentin Binder begeistern. In vorherigen Modellen ist das zum Beispiel ein kleines, verborgenes Ablagefach im Armaturenbrett. Für solch kreative Ideen würde er als Designer gern bekannt werden. Woran konkret er aktuell im Designteam mitarbeitet, darf Valentin Binder natürlich nicht verraten. Dass es die neue Modellgeneration ist, die in fünf bis sechs Jahren auf den Markt kommt, kann er zumindest andeuten. „Wir starten holistisch: Sitze, Armaturenbrett, Lenkrad, Mittelkonsole, Bedienelemente, Lüftung. Später wird fokussiert: Türen, Sitze.“ Die seien besonders komplex, dafür gebe es Experten.

„Aktives Fahren bleibt uns auch in Zukunft erhalten,
denn vielen macht es Spaß, mir auch.


„Aktives Fahren bleibt uns
auch in Zukunft erhalten,
denn vielen macht es Spaß,​
mir auch.


Sein Favorit bei der Gestaltung des Innenraums? Die Antwort kommt schnell: das Lenkrad, für ihn ein, wenn nicht das zentrale Element im Innenraum eines Autos. „Aktives Fahren bleibt uns auch in Zukunft erhalten, denn vielen macht es Spaß, mir auch“, sagt Binder mit einem breiten Grinsen. Und man versteht sofort, warum er zu Mini und damit in die BMW Group passt. Denn Mini steht für Lebensfreude und Spaß, und für die Marke BMW wurde schon vor Jahrzehnten der Slogan „Freude am Fahren“ geprägt.

Zur Person

Valentin Binder
27 Jahre

Erfahrung
Mercedes-AMG, Hyundai Design Europe, BMW Group Mini Design

Werdegang
2020-2025
Hochschule München, Bachelor of Arts Industrial & Transportation Design

2019-2020
Hochschule Pforzheim, Bachelor of Arts, Industrie- und Produktdesign

2018-2019
Hochschule Pforzheim, Prestudies KATAPULT

Okt. 2016-Okt. 2018
Technische Universität Chemnitz, Sportstechnology

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