MENSCHEN




„Work-Life-Balance
hat für mich​
nie Sinn ergeben“

Als Geschäftsführerin machte Sara Schiffer den Lkw-Führerschein. Heute steht sie für eine neue Form gewerblicher Mobilität: emissionsfreie Nutzfahrzeuge, gemietet pro Kilometer, eingesetzt im Alltag großer Logistikflotten. Im Interview mit der ACV PROFIL spricht sie über Technik, Markt und ihren persönlichen Weg.

„Work-Life-Balance
hat für mich
nie Sinn ergeben“

Als Geschäftsführerin machte Sara Schiffer den Lkw-Führerschein. Heute steht sie für eine neue Form gewerblicher Mobilität: emissionsfreie Nutzfahrzeuge, gemietet pro Kilometer, eingesetzt im Alltag großer Logistikflotten. Im Interview mit der ACV PROFIL spricht sie über Technik, Markt und ihren persönlichen Weg.

Container for the scroll indicator

(Will be hidden in the published article)

Vier Grad und Nieselregen – nicht die besten Bedingungen für ein Fotoshooting unter freiem Himmel. „Ich bin gerne draußen, mir macht das nichts“, beteuert Sara Schiffer, streift ihren wasserfesten schwarzen Wintermantel ab, übergibt ihn einer Mitarbeiterin und nimmt im orangenen Sessel des ACV Platz. Hinter ihr ragt die Front eines Hyundai Xcient mit Brennstoffzelle auf, einer von 150 lokal emissionsfreien Lkw, die das von Schiffer 2021 gegründete Unternehmen hylane deutschlandweit vermietet. Große Namen wie DHL, DSV, Hermes, REWE und dm gehören zu dessen Kunden.

AUS DEM BÜRO AUF DEN BOCK
Heute, in Hosenanzug und Slingback-Pumps, hat Schiffer den 27-Tonner nicht selbst geparkt – aber sie könnte: Die 32-Jährige besitzt einen Lkw-Führerschein. Warum das? „Ich komme ursprünglich nicht aus dem Logistik-Bereich, so war das für mich die effektivste Option, möglichst viel zu lernen“, sagt Schiffer. Ihre längste eigene Fahrt – von der dänischen Grenze bis nach Turin mit einem Brennstoffzellen-Lkw der hylane Flotte – habe sie vor allem zwei Dinge gelehrt: „Größten Respekt für den Job, den die Fahrer machen“ und „mit einem Wasserstoff-Lkw quer durch Europa zu fahren, ist heute problemlos möglich.“

Tatsächlich? Deutschlandweit wies die Deutsche Energie-Agentur (Dena) im November nur 50 Wasserstoff-Tankstellen mit dem für Lkw nötigen Druck von 350 bar aus. „Die Infrastruktur ist in einem ganz frühen Stadium und muss mitwachsen – sowohl für Wasserstoff als auch für Strom“, gibt Schiffer zu, benennt aber gleichzeitig einen wesentlichen Vorteil der Brennstoffzellen-Technik: „Die Fahrzeuge haben eine Reichweite von 500 Kilometern, da braucht man nicht alle naselang eine Tankstelle.“ (Mehr zum Thema Wasserstoff in der Mobilität hier in dieser Ausgabe nachlesen.)

Was bedeutet Mobilität für Sara Schiffer? Die Geschäftsführerin im Video-Interview mit ACV Pressesprecher Philipp Mathey. Jetzt das Video ansehen.



Das weiß Schiffer auch aus privatem Erleben; mit ihrem Toyota Mirai fährt sie einen von etwa 1.800 in Deutschland zugelassenen Brennstoffzellen-Pkw. „Man passt sein Tankverhalten an“, ist ihre pragmatische Devise; gebe es eine Tankstelle, fülle sie nach – egal, ob der Tank nun leer sei oder nicht.

Dekarbonisierung und Nachhaltigkeit sind Themen, auf die die promovierte Wirtschaftsinformatikerin im Gespräch immer wieder zurückkommt: „Zwei ganz große Aufgaben unserer Generation“ und etwas, das sie persönlich antreibe. Sie sei zwar nie, wie die „Fridays for Future“-Bewegung, für das Klima auf die Straße gegangen, „aber ich teile den Handlungsdruck dieser Generation.“ hylane sei nie nur die Gründung von „irgendeinem Unternehmen“ gewesen. „Ich sehe das als meinen persönlichen Beitrag.“

AUS DEM KONZERN INS START-UP
Entstanden ist die Idee, als sie im Team des Kapitalanlagevorstands der DEVK Versicherungen arbeitete. Es sei um nachhaltige Investitionen gegangen und auch darum, woher Emissionen kommen. Schwere Nutzfahrzeuge tragen wesentlich zum CO₂-Ausstoß bei, „indem man also statt vieler Pkw wenige Lkw austauscht, hat man einen viel größeren Hebel“, erklärt Schiffer. Gleichzeitig verschärft die EU Stück für Stück die CO₂-Vorgaben, um den Umstieg auf emissionsfreie Antriebe zu beschleunigen: „Es gab einfach einen großen Bedarf für unser Geschäftsmodell.“ So sei auch die DEVK als Gründungsgesellschafterin schnell überzeugt gewesen; im Dezember kam im Zuge einer Kapitalerhöhung nun ein zweiter Investor hinzu. Gefördert wurde hylane auch vom Verkehrsministerium.

Raus aus dem Konzern, rein ins Start-up – das war für die damals 28-Jährige eine komplette Umstellung. Sie habe sich zuvor nie als Gründerin gesehen, aber: „Ab dem Moment als die Idee stand, war für mich völlig klar, dass ich das mache, und ich bin der DEVK dankbar für diese Möglichkeit“, so Schiffer. Ein Jahr später schaffte sie es auf die „Forbes 30 under 30“-Liste im deutschsprachigen Raum – eine jährliche Auswahl junger Nachwuchstalente des Wirtschaftsmagazins.



„Ich teile den​
Handlungsdruck der​
Fridays-for-Future-
Generation.“

Sara Schiffer 
Gründerin & Geschäftsführerin von hylane

„Ich teile den
Handlungsdruck der
Fridays-for-Future-
Generation.“

Sara Schiffer 
Gründerin & Geschäftsführerin von hylane

AUS DEM „OB“ INS „WIE“
Heute betreibt hylane Europas größte Flotte an Wasserstoff-Lkw und ist nach eigenen Angaben einer der größten Anbieter in der Vermietung emissionsfreier Nutzfahrzeuge in Europa. Seit dem vergangenen Jahr sind mit dem Mercedes e-Actros auch batterieelektrische Trucks dazu gekommen; das Fahrzeug hat eine Normreichweite von 500 Kilometern. 

Sara Schiffer im Gespräch mit Philipp Mathey vor dem Hyundai mit Wasserstoff-Tanks. 

Erst im Dezember erhöhte der Logistikdienstleister DHL seine Bestellung bei hylane auf 42 Elektro-Lkw. Aus Schiffers Sicht ein wichtiger Beweis für deren Wirtschaftlichkeit: „Wir diskutieren mit unseren Kunden nicht mehr über das ob, sondern über das wie“, sagt Schiffer – also die Art der Antriebstechnik je nach Anwendungsfall. Gerade für Unternehmen mit Depot-Ladeinfrastruktur und Zugang zu preiswertem Strom seien E-Lkw häufig schon günstiger als Dieselfahrzeuge. Der Glaube an die eine Antriebslösung sei dabei nicht hilfreich, betont Schiffer. „Es gibt Anwendungsfälle für Wasserstoff- und für Batterie-Lkw, wir brauchen beide.“

Technologieoffenheit ist eine Überzeugung, die auch der ACV teilt. Als erster deutscher Automobilclub setzt der ACV einen Wasserstoff-Abschleppwagen im Alltagsbetrieb ein (mehr dazu hier), schließt für die Zukunft aber beispielweise auch Elektro-Schlepper nicht aus. „Alle Bereiche, die man dekarbonisieren kann, müssen über kurz oder lang dekarbonisiert werden, egal mit welcher Technologie“, stimmt Schiffer zu. 

Im Straßengüterverkehr macht hylane den Umstieg für ihre Mietkunden mit einem Nutzungsmodell so einfach und risikoarm wie möglich: Gezahlt wird nur für die gefahrenen Kilometer; hylane übernimmt den Rest, von Reparatur und Versicherung über Zugang zur Energieversorgung – bis hin zur Ausstellung von Zertifikaten zur CO2-Ersparnis. Nachhaltigkeitsziele sind auch für viele Transportunternehmen entscheidend: „Unsere Kunden haben einen Wettbewerbsvorteil, wenn sie die Nachhaltigkeitsansprüche ihrer Endkunden oder Investoren erfüllen.“ Die EU verpflichtet mit der CSRD-Richtlinie größere Unternehmen, einen jährlichen Nachhaltigkeitsbericht zu erstellen.

Wo wird Wasserstoff eingesetzt?

Lange galt Wasserstoff als Hoffnungsträger für den Pkw, durchgesetzt hat er sich jedoch bislang nicht. Trotzdem ist der Energieträger für den Mobilitätssektor attraktiv.

Weiterlesen

AUS DEM ALLTAG AUF DIE MATTE
Nach dem Einstieg eines neuen Investors Ende 2025 stehen die Zeichen für hylane in diesem Jahr auf Wachstum, sowohl was die Vermietflotte als auch das Team von derzeit 20 Mitarbeitern angeht. In einem Lebensbereich jedoch darf es bei Schiffer weder um Ziele noch um Effizienz gehen: „Ich praktiziere gerne Yoga, wo das ja überhaupt kein Thema ist, und genieße das sehr.“ Gleichzeitig hält sie nichts von der strikten Trennung von Privatem und Beruflichem: „Der Begriff Work-Life-Balance hat für mich nie Sinn ergeben.“ Es sei doch viel wichtiger, dass beides insgesamt zusammenpasse. Vorankommen, ohne sich zu verlieren: Sei es ein Lkw-Führerschein als Weiterbildung, pragmatische Tankroutinen, organische Unternehmensgründung oder vier Grad und Nieselregen – Schiffer nimmt es, wie es kommt.

Zur Person

Dr. Sara Schiffer
geb. 1993, verheiratet, lebt in Köln

Akademischer Werdegang

2013-2018
Studium Data Science & Information Systems in Köln,
Kalifornien & Münster

2019-2024
Promotion 
(Dr. rer. pol.im Bereich Wirtschaftsinformatik Universität Münster)

Beruflicher Werdegang

2013-2025 
DEVK Versicherungen, verschiedene Funktionen in
IT & Management, u. a. Fachgebietsleitung Koordination IT
Entwicklung & Referentin des Vorstands

seit Oktober 2021

Gründerin & Geschäftsführerin hylane

Nächster Artikel

Neue Konzepte CMT
Vom Klapp-Caravan bis zum Hybrid-Anhänger - die Wohnwagen-Branche reagiert auf die E-Mobilität. Es gibt neue, alternative Konzepte, die auf der Stuttgarter Freizeitmesse CMT zu sehen waren, fünf stellen wir vor.
Lesen

Container for the dynamic page

(Will be hidden in the published article)